Samstag, 14. September 2013

REVIEW: DER LACHENDE VAMPIR (Manga, Suehiro Maruo)






Rakuda Onna ist eine jahrtausendealte Vampirin, welche nach ihrer Hinrichtung als Untote durch die Welt zieht und sich vom Blut der Lebenden ernährt. Indem sie ihn von ihrem Blut kosten lässt, verwandelt sie den jungen Schüler Konosuke Mori ebenfalls in eine blutsaugende Bestie der Nacht. Doch Moris Weg ist ein schwerer und er realisiert erst nach und nach, was eigentlich mit ihm geschieht. Doch so sehr er sich auch sträuben mag, der Drang nach frischem Blut ist unstillbar.



Suehiro Maruo ist bekannt für sein visuelles Talent, die Atmosphäre, die er in seinen Mangas zu kreieren weiß und die mystisch bis märchenhaft angehauchten Geschichten, die er in ihnen erzählt. Aus seinen Bildern spricht die Schönheit alter Tage, eine Art rustikaler Zauber und eine ästhetische Sicherheit, wie sie in diesem Bereich bei so gut wie keinem anderen zu verzeichnen ist. Maruo’s Werke sind stark beeinflusst von der Dekadenz des Expressionismus und dem Ero-Guro, einer Spielart japanischer Zeichenkunst und Literatur, welche das Groteske mit dem Erotischen verbindet. Seine Werke verkörpern eine lang vergessene Schönheit, welche man aus alten, deutschen Filmklassikern kennt und dennoch sind sie voll von perversen Fetischen und Gewalt. Ob Suehiro Maruo ein Gewaltfetischist ist, der die expressionistischen Tugenden hochhält, oder ein Expressionist mit einem Fetisch für Gewalt, liegt in den Augen des Betrachters. Fakt ist jedoch, dass Maruo Schönheit und Hässlichkeit zu etwas Beeindruckendem verknüpfen kann. Die gewaltschwangere Geschichte von “Der Lachende Vampir“ vermischt Maruos Stil mit einigen Horrorelementen, etwas das, trotz seinem Hang zu extremen Themen, nicht besonders gewöhnlich für sein Schaffen ist. Das Ergebnis ist ein sehr interessantes.






“Der Lachende Vampir“ fängt mit der Vorgeschichte der alten Vampirin Rakuda Onna an, welche wenige Seiten später den jungen Mori zu einem Vampir verwandelt, indem sie ihm Blut aus ihrer Zunge in den Mund laufen lässt. Parallel dazu führt Maruo uns in Moris Umfeld ein. Seine Mitschüler sind gewalttätige Schlägertypen, die sich an hilflosen Obdachlosen vergreifen und berechnende Mädchen, die für Geld alte Männer sexuell befriedigen. Inmitten dieses gesellschaftlichen Zerfalls lernen wir Luna und Hemni kennen. Luna ist ein keusches, zurückhaltendes Mädchen, welches aufgrund ihrer stillen Art häufig von den anderen Mädchen aufgezogen wird und ein Außenseiterdasein führt. Hemni ist ein gewalttätiger Sadist, der nachts herumgeht und Menschen bei lebendigem Leibe in Brand setzt. Seine Gräueltaten verewigt er in seinem Tagebuch, das er “Der Lachende Vampir“ nennt. Zeitgleich schreitet Moris Transformation immer weiter voran und Onna begleitet ihn auf seinen nächtlichen Beutezügen, in denen er Passanten aufschlitzt um ihr Blut zu trinken. Doch je mehr er zum Vampir wird, desto mehr muss er sein altes Leben aufgeben und seine Mitschüler werden zur Zielscheibe für seine nächtlichen Morde. Weiterhin werden Hemnis Gewalttaten immer perfider und kränker und das Objekt seiner Begierde ist die schüchterne Luna. Eine Konfrontation zwischen den Dreien ist unausweichlich…



“Der Lachende Vampir“ ist ein starker Manga. Konzeptionell, inhaltlich und visuell. Die denkbar einfache Vampirthematik tanzt einen graziösen Tango zwischen altbekannten Verbeugungen vor den allseits bekannten Themen der klassischen Gothic Literatur und einer Grimmigkeit, wie sie nur der heutige Kulturzerfall hervorbringen kann. Auf der einen Seite gibt es die mystischen Storyelemente, welche Maruo auf gekonnte Weise aufgreift, ohne jedoch den tausendsten Dracula Klon zu erschaffen, auf der anderen Seite japanische Großstadt-Tristesse. Interessant ist hierbei, dass Onna, quasi Maruos weiblicher Graf Dracula, eher an die japanische Art der Dämonendarstellung, als an den Klischeevampir mit Reißzähnen erinnert. Wie so oft sind Maruos Charaktere eher eindimensional und erleben, bis auf die Vampir-Metamorphose natürlich, eigentlich keine Katharsis, Veränderung oder sonst etwas. “Der Lachende Vampir“ widmet sich ganz seiner Thematik, bleibt zwar nah an seinen Charakteren, nutzt ihr Zusammenspiel aber eher um Atmosphäre zu erzeugen und eine eigene Welt zu kreieren. Natürlich schreitet die Handlung voran und befasst sich eindringlich mit Moris neuem Leben als Vampir und seinen nächtlichen Streifzügen, jedoch interessiert sich Maruo viel mehr für eine stimmige Aura als für nervenzerfetzende Spannung. Die Handlungsstränge um Hemni und Luna fügen sich sehr gut in das Gesamtwerk ein und zeichnen das Bild einer verloren, herzlosen Gesellschaft ohne Werte und Normen. Gerade dieses Setting macht die Handlung von “Der Lachende Vampir“ so speziell: der Zauber eines eigentlich eher romantischen Mythos, versetzt mit den Problemen einer modernen Gesellschaft, wie man sie zum Beispiel aus den “All Night Long“ Filmen kennt. Sicherlich schwingt hier auch Gesellschaftskritik mit, welche sich aber dezent zu der schwarzromantischen Atmosphäre gesellt und eher Teil des Ganzen als Randerscheinung ist. 





Dass Maruo meisterhaft Gewalt und Ästhetik vermischen kann, beweist “Der Lachende Vampir“ genauso gut, wie seine anderen Werke.  In dem Manga treten Gewalt bzw. Tod und Schönheit nicht nah beieinander auf, sondern gleichzeitig. Auf der selben Seite, im selben Panel. So verwest Onna gleich zu Anfang in einer blühenden Blumenwiese, eine Frau wird in einem Feld, das aussieht wie ein Meer aus Orchideen, zu Tode gebissen und die Blutspuren der Opfer hinterlassen nahezu abstrakte Kunstwerke auf den Wänden und Kacheln der Stadt. Viele Ermordungen wirken, trotz der Unbelebtheit des Mediums, wie Balletttänze und sind gleichzeitig explizit grausam und wunderschön anzusehen. Gerade in den vielen Gewaltszenen blüht Maruo am meisten auf und vermag den Leser am meisten zu fesseln. Der weiter oben angesprochene expressionistische Touch Maruos kommt wieder voll zum Vorschein: Mori sieht Cesare aus dem Klassiker “Das Schreckenskabinett des Dr. Caligari“ sehr ähnlich und auch die ausgewälzten, dramatischen Morde im Zusammenspiel mit Maruos grandiosem Einsatz von Licht und Schatten erinnern sehr an stark an den expressionistischen Stil. Insofern verkommt “Der Lachende Vampir“ nie zu einer bloßen Gewaltorgie, sondern verpackt seine Grausamkeiten so kunstvoll, dass selbst feinfühlige Freunde der bildenden Kunst davor den Hut ziehen müssten. Dennoch ist das Gezeigte stellenweise sehr extrem, zum Beispiel badet Onna in dem Blut toter Babys, deren Kadaver neben ihr im Badewasser herumschwimmen. Auch das Massaker, das Mori an seinen Mitschülern anrichtet, ist sehr explizit ausgefallen.

Doch auch was die Darstellung von Sex und Perversion angeht, ist “Der Lachende Vampir“ nicht gerade zimperlich. Die phallische Symbolik und die sexuelle Aufladung, welche dem Mythos innewohnt, sind ja hinlänglich bekannt, jedoch belässt Maruo es keineswegs bei erotischen Anspielungen. Er zeigt auf sehr direkte Art, wie die Schulmädchen sich über das Verkaufen von getragener Unterwäsche und Schamhaaren unterhalten und wie sie alte Männer für Geld sexuell befriedigen. Neben einigen ästhetischen und gewaltfreien Sexszenen und einer Art Gang Bang zwischen Moris Mitschülern, spielen in Lunas Handlungsstrang Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch eine sehr große Rolle. Auch wenn die Darstellung von Sexualität und sexueller Gewalt in anderen Werken Maruos eher zum Tragen kommt, ist sie doch in “Der Lachende Vampir“ immer präsent und ein nicht zu unterschätzender Teil der Handlung.





Fazit: Maruo verbindet seine altbekannten Talente mit einem Thema aus der klassischen Horrorliteratur und schafft ein wunderschönes Kunstwerk, das von seiner ästhetischen Grausamkeit und seinen beeindruckenden Zeichnungen getragen wird. Mystisch, realistisch, verstörend und bezirzend zugleich, ist “Der Lachende Vampir“ ein weiteres Paradebeispiel für das enorme Talent des Suehiro Maruo, welches sowohl als Horrorgeschichte, als auch als brutaler, perverser Manga und als expressionistisches veranlagtes Kunstwerk funktioniert. Bravo!



Zum Band: REPRODUKT hat den Manga ungekürzt und unzensiert (mit einer Altersempfehlung ab 18 Jahren) in deutscher Sprache auf den Markt gebracht. Die Verarbeitung ist hochwertig, der Manga kommt im Softcover mit Schutzumschlag daher (sehr edel) und die Übersetzung ist sehr gut gelungen!

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